Matthias Krinke bedient einen seiner Roboter

© BMWi / Ole Spata

Matthias Krinke war seiner Zeit voraus. 1992 kam er nach Berlin, soeben hatte er sein Studium der Elektrotechnik an der Technischen Universität in München erfolgreich abgeschlossen. Jetzt wollte der frischgebackene Diplomingenieur in der Hauptstadt seinen Traum verwirklichen. Der Plan des damals 25jährigen: Eine Firma gründen, um Roboter zu entwickeln und zu bauen. Das klang vor einem Vierteljahrhundert noch nach Science Fiction. Der Start war entsprechend schwierig: Krinke fand keinen Geldgeber, der das Startkapital des jungen Gründers, überschaubare 2.000 Deutsche Mark, auf eine erfolgversprechende Summe aufstocken wollte. So entwickelte er erst einmal einen Plan B und gründete 1994 einen Vertrieb für Steuer-, Mess-, und Regeltechnik.

Diesen betreibt der umtriebige Unternehmer heute immer noch, doch inzwischen entwickelt, baut und vermarktet seine Firma pi4-robotics tatsächlich erfolgreich Roboter für verschiedenste Einsatzgebiete. Die automatischen Arbeitskräfte können mit ihren in bis zu sieben Achsen beweglichen Armen Werkstücke greifen, umsetzen und zusammenfügen, verschiedene Kameras und Sensoren erlauben eine Vielzahl von Kontroll- und Überwachungsfunktionen. Matthias Krinkes Roboter arbeiten in verschiedenen Unternehmen mit, beispielsweise in der Automobil-Zulieferindustrie oder in der Produktion von Haushaltsgeräten. Und selbstverständlich sind sie auch in der pi4-Firmenzentrale im Technologie-Park Humboldthain im Berliner Stadtteil Wedding allgegenwärtig: Schon im Eingangsbereich wird der Gast von drei Robotern begrüßt. Hinter dem Empfangstresen, gekleidet in ein schickes Hemd in der Unternehmensfarbe, einem frischen Hellgrün, erwartet Iosy die Besucher, die sich an einem gewöhnlichen Apriltag förmlich die Klinke in die Hand geben, links und rechts stehen die Roboterdamen Yolandi und Uhura Spalier. Spätestens bei letzterer wird klar, dass Matthias Krinke sich bei der Namenswahl für seine Roboter gerne in der Pop- und Nerdkultur bedient. Aber warum haben Roboter überhaupt Namen? „Viele Menschen geben technischen Geräten Namen. Ein Freund von mir hat einen vollautomatischen Rasenmäher, den hat er ‚Sepp‘ getauft “, schmunzelt der Herr der Maschinen. Auch die Brüder und Schwestern von Krinkes Roboter-Empfangskomitee, die in einer Vielzahl von Industriebetrieben ihrer Arbeit nachgehen, tragen menschliche Namen: „So können alle Beteiligten sie leicht unterscheiden und wiedererkennen“, erklärt Krinke, und er zeigt auch einen anderen Aspekt auf: „Wenn in einem Betrieb ein Roboter eingesetzt wird, dann wird dieser mit einem menschlichen Namen von der Belegschaft eher akzeptiert; insbesondere, wenn die Mitarbeiter ihren automatischen Kollegen selbst benennen durften.“

Roboter

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Der Robotikunternehmer hat eine positive Vision: „Die Roboter werden den Menschen nicht verdrängen, sondern uns unangenehme Arbeiten abnehmen.“ Doch Krinke denkt noch weiter: Mit der Robozän GmbH hat er die erste und weltweit bislang einzige Zeitarbeitsfirma für humanoide Roboter gegründet. Das Geschäftsmodell: Private oder institutionelle Anleger kaufen einen Roboter, der gegen einen festen Stundenlohn an Industrieunternehmen ausgeliehen wird. Das eröffnet in Krinkes Augen ganz neue gesellschaftliche Perspektiven: „Mit Robotern als Leiharbeitern könnten wir die Finanzierung des Rentensystems lösen.“

Digitale Leiharbeiter

Neben den Arbeitsrobotern hat pi4-robotics noch andere Produkte im Portfolio, beispielsweise eine Anlage, mit der Hersteller von Photovoltaikanlagen nicht nur ihre fertigen Produkte auf Fehlerfreiheit überprüfen, sondern den ganzen Produktionsprozess automatisch überwachen und optimieren können. Eine andere Produktinnovation wurde jüngst durch das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand des BMWi gefördert: Im „Workerbotkiosk“ leistet einer von Matthias Krinkes Industrierobotern seinen Dienst. Die möglichen Einsatzszenarien reichen weit über einen Kioskbetrieb, also den automatisierten Warenverkauf zu jeder Tages- und Nachtzeit, hinaus: Aufgrund der vielfältigen Fähigkeiten des Roboters können standardisierte Produkte individualisiert werden, zum Beispiel durch Gravuren. Auf der Hannover Messe demonstriert der Roboterkiosk die Montagetätigkeit: Besucher können aus einer breiten Palette verschiedener Kabel und Klemmen eine Kombination wählen, die benötigten Teile greift, montiert und vercrimpt der Roboter dann selbstständig.

Der Roboter im Kiosk der Zukunft ist ein „Workerbot“ der dritten Generation, die vierte Generation ist bereits am Markt und arbeitet bei Matthias Krinkes Kunden. Und hinter gut gesicherten Türen arbeiten der visionäre Tüftler und seine Mitarbeiter bereits an Industriehelfern der fünften Generation. Doch Krinke beschränkt sich nicht darauf, seine Produkte zu verbessern und fortzuentwickeln. „Ich habe so viele Ideen, die kann ich in meinem Leben gar nicht mehr alle abarbeiten.“