Frau am PC

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Gemütlich auf dem Sofa sitzen und dabei in Ruhe einkaufen, das geht schon seit über 100 Jahren. Ab 1880 entstanden die ersten Versandhäuser in Deutschland. Mit der Währungsreform und dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg begann dann die Ära der großen Universalversandhändler. Neben dem in der Weimarer Zeit ursprünglich als Textilhandel gegründeten Unternehmen Quelle entwickelten sich die neuen Versandhändler Neckermann und Otto zu Handelsriesen. In ihren zuletzt über 1.000 Seiten starken halbjährlich erscheinenden Hauptkatalogen boten diese Versandhäuser ein umfassendes Sortiment an, von der Badehose bis zum Businesskostüm, vom Elektrorasierer bis zur Einbauküche.

Marc Opelt und Dr. Michael Heller, Bereichsvorstände bei Otto

v.l. Marc Opelt und Dr. Michael Heller, Bereichsvorstände bei Otto

© Otto

Auch im Internet begegneten dem Kunden die Namen Quelle, Neckermann und Otto in Gestalt von Onlineshops. Doch das in Hamburg beheimatete Unternehmen Otto hat die digitale Revolution als einzige erfolgreich gemeistert. Die früheren Konkurrenten schafften den Übergang ins Digitalzeitalter nicht. Die Otto Group erwarb die Rechte an den Namen und führt nun darunter Onlineshops. Marc Opelt, Bereichsvorstand Vertrieb bei Otto, erklärt den erfolgreichen Wandel: „Wir haben die Digitalisierung frühzeitig als riesige Chance begriffen. Technologie ist heute Basis unseres Geschäftsmodells.“ Schon 1995 bot Otto ein ausgewähltes Sortiment online an, 1997 war bereits das ganze Sortiment im Netz verfügbar. Otto entwickelte sich zum mit Abstand stärksten deutschen Onlinehändler im Endkundengeschäft, nur Amazon und eBay haben hierzulande eine höhere Reichweite. Bis heute hat man in der Firmenzentrale in Hamburg-Bramfeld den Anspruch, an der Spitze der digitalen Entwicklung zu stehen. 

Big Data made in Germany

Beispielhaft ist der Einsatz innovativer Software zur Vorhersage von Kundenwünschen und -verhalten. Otto-Bereichsvorstand Dr. Michael Heller erläutert den Einsatz von Big Data-Technologie in diesem Bereich: „Predictive Analytics helfen uns entscheidend dabei, den Produktlebenszyklus eines Artikels vorherzugsagen. Der Algorithmus stammt ursprünglich aus der experimentellen Kernphysik, lässt sich aber auch auf betriebswirtschaftliche Fragestellungen anwenden. Auf Basis von Vergangenheitsdaten in Kombination mit rund 200 aktuellen Variablen prognostiziert er das Einkaufsverhalten unserer Kunden.“ Das gelingt erstaunlich präzise: Mit Hilfe von Big Data kann bis zu zehn Wochen im Voraus mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent vorhergesagt werden, wie oft beispielsweise ein bestimmtes Kleid in einer bestimmten Kalenderwoche bestellt werden wird. Für diese Technik wurde Otto mit dem alljährlich unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) verliehenen Deutschen Innovationspreis ausgezeichnet.

Artur Schlaht, Gründer von Payever, und Jan Bredack, Gründer von Veganz

v.l. Artur Schlaht, Gründer von Payever, und Jan Bredack, Gründer von Veganz

© Veganz GmbH und payever GmbH

Marktnische Lebensmittelhandel

Während die Bestellung von Kleidung, Sportartikeln und Unterhaltungselektronik per Computer für die Mehrheit der Menschen in Deutschland längst zum Alltag gehört, ist der Lebensmitteleinkauf im Netz für viele Verbraucherinnen und Verbraucher noch schwer vorstellbar. Lediglich elf Prozent der Konsumenten kaufen hierzulande Nahrungsmittel online.

Das hält Jan Bredack nicht ab, diesen Markt ins Visier zu nehmen. Der ehemalige Daimler-Topmanager hat 2011 Veganz gegründet, Europas erste Supermarktkette, die ausschließlich vegane Produkte im Sortiment hat. Für diese Idee konnte Bredack 2014 in Anwesenheit des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Sigmar Gabriel den Deutschen Gründerpreis entgegennehmen. Jetzt drängt es ihn und Veganz ins Netz. 

Lebensmittel oder Lifestyle?

Auf die Frage, ob er mit Lebensmitteln oder mit Lifestyleprodukten handelt, schmunzelt Jan Bredack kurz, ehe er klarstellt: „Natürlich mit Lebensmitteln, ganz eindeutig“. Sicherlich sei der Anteil von Onlinekäufen am gesamten Lebensmitteleinzelhandel noch sehr gering – etwa 99 Prozent des Umsatzes werden in Geschäften, Supermärkten und Discounterfilialen gemacht. Doch das werde sich in naher Zukunft grundlegend ändern: „Wenn ich ins europäische Ausland schaue, sieht die Sache ganz anders aus. Im Großbritannien werden bereits 15 Prozent der Lebensmittel und Alltagsartikel online gekauft. Dahin geht auch bei uns der Trend.“

Das Internet ist für weite Bereiche des Lebensmitteleinzelhandels noch weitgehend Neuland. Doch der zunehmende Onlinevertrieb von veganen Produkten ist eine Rückkehr zu den Wurzeln. „Früher gab es solche Produkte nicht in normalen Geschäften überall im Land“, erinnert sich Bredack. „Wer sich für vegane Produkte interessierte, musste sich zwangsläufig über Onlineshops versorgen.“ 

Kein Kauf ohne Bezahlen

Ein altes Sprichwort sagt: „Beim Bezahlen wird man das meiste Geld los“. Im Onlinehandel stellen komfortable und vor allem sichere Bezahlsysteme eine besondere Herausforderung dar, insbesondere für kleine Anbieter. Vor allem an diese richten sich die Angebote des Start-ups Payever. „Für Kunden sind die großen amerikanischen Verkaufs- und Versteigerungsplattformen natürlich ideal – sie finden alles an einem Ort. Aber wenn man selbst auf diesen etwas anbieten möchte, dann spürt man deutlich, wer die Macht hat“, schildert Artur Schlaht seine eigenen Erfahrungen. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen Viktor Butsch entwickelte er die Vision von App-gestützten Lösungen für kleine Online- und Offlineshops und gründete Payever. Für Ihre Idee wurden sie vom BMWi im Gründerwettbewerb Digitale Innovationen ausgezeichnet. Mittlerweile umfasst das Payever-Portfolio Apps für alle Bezahlarten – sogar für Ratenkäufe über ein renommiertes Kreditinstitut. Darüber hinaus gibt es Apps für Buchhaltung und Customer-Relations. Nicht nur in Deutschland ist Payever aktiv, auch in Skandinavien und Spanien sind Kunden finden. Das Start-up wächst rasant. So blickt Artur Schlaht selbstbewusst in die Zukunft: „Unsere Mission ist eindeutig, wir wollen die kleinen und kleinsten Anbieter aus dem Würgegriff der US-Multis befreien.“ 

Gut ist uns nicht gut genug

Ein Selbstbewusstsein, das viele Unternehmen in Deutschland haben können, seien es Traditionshäuser wie Otto, die erfolgreich den Umwälzungen der Digitalisierung begegnet sind, seien es innovative Gründer wie Jan Bredack oder Heico Koch. Deutschland ist ein guter Standort für Online-Handelsunternehmen; gerade in den Städten und Ballungsräumen sind gute Infrastrukturen und gut ausgebildete Fachkräfte aus dem In- und Ausland zu finden. Doch das Bessere ist der Feind des Guten. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie begleitet und gestaltet die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft aktiv. So stehen die Fragen, wie bessere Bedingungen in rechtlicher und ordnungspolitischer Hinsicht geschaffen werden können und wie der Weg zum besten Datennetz der Welt beschritten werden kann, im Zentrum unseres Grünbuchs „Digitale Plattformen“. Der Konsultations- und Debattenprozess läuft noch bis zum 30. September 2016. Beteiligen Sie sich – auch Ihre Meinung ist uns wichtig.