Frau mit Kopfhörern; Quelle: Sonormed GmbH

© Sonormed GmbH

Ein hohes Pfeifen oder Klingeln im Ohr, permanent, nervtötend – drei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einem chronischen Tinnitus. Ursache sind in den meisten Fällen Fehlfunktionen von Nervenzellen: Diese übermitteln dem Gehör ohne eine Reizeinwirkung von außen Klangsignale in einer von Fall zu Fall spezifischen Frequenz. Das Start-up Sonormed aus Hamburg bietet vielen Betroffenen die Möglichkeit, den Tinnitus mithilfe ihrer eigenen Lieblingsmusik zu behandeln. Basis ist der Therapieansatz „Tailor-Made Notched Music Training“ (TMNMT), den Forscher der Universität Münster entwickelten und hinter dem sich eine verblüffend einfache Idee verbirgt: Der Patient hört Musik, aus der seine persönliche Tinnitusfrequenz herausgefiltert wurde. Die Folge: Nach einiger Behandlungsdauer wird der störende Ton in seinem Ohr leiser. 

Aus dem TMNMT-Ansatz hat Sonormed ein marktreifes Produkt entwickelt – über die Anwendung Tinnitracks können Nutzer ihre persönliche Lieblingsmusik digital bearbeiten lassen und anschließend zur individuellen Behandlung einsetzen. Dies hat gegenüber herkömmlicher Therapie mehrere Vorteile: Die Patienten hören die bearbeitete Musik zu Hause und auf eigenen Geräten; Anfahrtswege und Terminvereinbarungen für Behandlungen entfallen. Und sie können ihre Lieblingsstücke selbst aussuchen, empfinden die Therapie also als angenehm, was den Heilerfolg verbessert.

Drei junge Männer mit Kopfhörern

© Sonormed GmbH / Patrick Sun

Die Idee fand sehr schnell große Beachtung: Ein halbes Jahr nach der Unternehmensgründung wurde Sonormed 2013 im Gründerwettbewerb „IKT Innovativ“ ausgezeichnet. Jörg Land, Gründer und Geschäftsführer, blickt zurück: „Die mit dem Preis verbundenen Coachings haben uns nach vorne gebracht, viele daraus entstandene wertvolle Kontakte bestehen noch heute. Auch half es uns in dieser frühen Phase dabei, Vertrauen bei Interessierten aufzubauen.“ An die Erfolgsgeschichte von „IKT innovativ“ knüpft das BMWi jetzt mit dem neuen Gründerwettbewerb „Digitale Innovationen“ an. 

Auch nach der ersten Auszeichnung fand das Start-up weitere Unterstützung beim BMWi: An der frühen Finanzierung des aufstrebenden Unternehmens beteiligte sich der High-Tech Gründerfonds. Weiterhin ermöglichte das Ministerium Einblicke in den US-Markt – Sonormed ist eines der ersten Unternehmen, die für den German Accelerator Life Sciences in Boston ausgewählt wurden und mehrere Monate in den USA verbringen konnten. „Diese Unterstützung war und ist für uns unglaublich wichtig“, erklärt Jörg Land.

Brummen in der Bauchgegend

Hilfe für stark sehbehinderte oder blinde Menschen bietet eine andere Innovation „made in Germany“: ein Gürtel, der seinem Träger die Orientierung auch in unbekannter Umgebung ermöglicht. Entstanden ist die Idee aus einem Forschungsprojekt des Instituts für Kognitionswissenschaften der Universität Osnabrück. Ende 2015 gründeten Silke Kärcher, Jessika Schwandt und Susan Wache das Unternehmen feelSpace, um ein marktreifes Produkt zu entwickeln. Silke Kärcher erklärt, wie der Navigationsgürtel funktioniert: „Der Nutzer gibt per Spracheingabe sein Ziel in sein Smartphone ein. Eine spezielle App sendet die nötigen Informationen per Bluetooth an den Gürtel. Dieser signalisiert dann über 16 Vibromotoren die richtige Richtung. Wenn der Motor vorne am Bauch vibriert, bedeutet das, man soll geradeaus gehen. Vibriert der Motor rechts oder links, muss man die Richtung wechseln.“ Nicht nur für sehbehinderte Menschen ist diese Erfindung nützlich; beispielsweise können sich auch Zweiradfahrer mit ihrer Hilfe zurechtfinden, ohne ständig auf ein Smartphone oder Navigationsgerät schauen zu müssen.

Das feelSpace-Team: Gruppenbild von Silke Kärcher, Jessika Schwandt und Susan Wache

Das feelSpace-Team

© feelSpace GmbH

Unterstützung erhielten die jungen Unternehmerinnen durch ein Gründungsstipendium aus dem Programm „EXIST“, mit dem das BMWi Existenzgründungen aus der Wissenschaft fördert. „Das gab uns die nötige Ruhe, sorgfältig einen Prototypen zu entwickeln und uns gründlich mit potenziellen Kunden und auch mit blinden Experten auszutauschen“, berichtet Silke Kärcher. Und feelSpace Mitgründerin Susan Wache fügt hinzu: „Durch die finanzielle Absicherung vom EXIST-Gründerstipendium konnten wir uns mit vollem Einsatz an die Arbeit machen. Ich habe es keinen Tag bereut.“

Überall und jederzeit ein EKG

Für Menschen mit Herzbeschwerden ­– mit oder ohne ärztlicher Diagnose – haben die Gründer des E-Health Start-ups Personal MedSystems ihr Produkt CardioSecur entwickelt. Dieses beinhaltet ein Kabel mit vier leicht anzubringenden Mess-Elektroden und eine Smartphone-App. Mit dieser können CardioSecur-Nutzer Klarheit über den Zustand ihres Herzens erhalten. Die App erstellt und speichert nicht nur ein aussagekräftiges Elektrokardiogramm (EKG), sondern vergleicht die aktuelle Messung mit einem individuellen Referenz-EKG des Nutzers. Aus diesem Vergleich ergeben sich eindeutige Handlungsempfehlungen. Der Herzpatient erfährt auf einen Blick, ob alles in Ordnung ist, er sich um einen Arzttermin kümmern oder ob er sich sofort in notärztliche Behandlung begeben sollte.

Ansicht von 3 Smartphones mit jeweils einer Sicht der App CardioSecur

App-Screens CardioSecur

© Personal MedSystems GmbH

In vielen Fällen konnten bereits Menschenleben gerettet werden: Ein Nutzer, der sogar Kardiologe ist, verspürte im Skiurlaub starke Schmerzen in der Brust. Auch in der Notsituation konnte er die vier Elektroden anlegen und sich auf seinem Tablet ein EKG schreiben lassen. Sofort erkannte er einen Herzinfarkt und forderte statt eines Notarztes einen Rettungshubschrauber an, um umgehend ins nächstliegende Herzzentrum gebracht zu werden.

Die CardioSecur-Gründer

Die CardioSecur-Gründer

© Personal MedSystems GmbH

Gerade im Gesundheitsbereich ist die Entwicklung und Zertifizierung von innovativen technischen Produkten aufwändig und teuer. Wie viele andere junge Unternehmen erhielt Personal MedSystems in der Startphase Unterstützung von Seiten des BMWi. Gründer und COO Felix Brandt erinnert sich an die Frühzeit seines Unternehmens: „Am Anfang hat uns der High-Tech Gründerfonds nicht nur mit Finanzmitteln geholfen. Sein im Tech-Bereich einzigartig starkes Netzwerk wirkt in ganz Europa.“

Start-up Night Gesundheitswirtschaft

Auf dem gesamten Feld der Gesundheitswirtschaft in Deutschland gibt es zahlreiche Start-ups, die mit Kreativität und Elan innovative Lösungen entwickeln und voranbringen. Das Spektrum reicht von Prävention und Diagnostik über Versorgung und Therapie bis hin zur Pflege. Großes Innovationspotenzial liegt in der Verbesserung der Kommunikations- und Informationsflüsse im Gesundheitswesen. Und auch der medizinischen Forschung geben Deutschlands junge Unternehmen viele neue Impulse. Um den Austausch der Start-ups untereinander und mit etablierten Unternehmen und Institutionen zu fördern, beabsichtigt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) voraussichtlich am 30. Mai 2017, erstmalig Vertreter der Gesundheitswirtschaft zu einer Start-up Night einzuladen. Zuvor hat das Ministerium schon in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Energie und Social Entrepreneurship junge Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Vertreter etablierter Unternehmen bei Abendevents zusammengebracht und Raum für Vernetzung und Anbahnung von neuen Kontakten und Kooperationen geschaffen.